Länderbericht

Deutschland

Monitor-Toolbox - Deutschland

1. Der Lehrberuf

Deutschland beschäftigt zwar mehr Lehrkräfte, doch steht es weiterhin vor gravierenden Engpässen, insbesondere in der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung (FBBE). In Deutschland sind derzeit 2,6 Millionen Menschen im Bildungssektor beschäftigt, d. h. rund 6 % aller Beschäftigten. Darüber hinaus arbeitet etwa eine Million Menschen im Bereich der Weiterbildung. Allerdings steigt die Nachfrage nach Lehrkräften auf allen Ebenen. Die Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder (KMK) geht davon aus, dass die Zahl der Schülerinnen und Schüler bis 2035 um 9,2 % auf 12 Millionen steigen wird (KMK, 2023a). Der Anstieg wird vor allem Regionen im Westen Deutschlands betreffen, während die Schülerzahlen im Osten sinken werden. Am stärksten wird die Zahl der Schülerinnen und Schüler voraussichtlich in der Sekundarstufe I steigen, gefolgt von der Sekundarstufe II und dann der Primarstufe (KMK 2022a). Gleichzeitig ist ein Viertel aller Schullehrkräfte über 55 Jahre alt.1 Obwohl keine umfassenden statistischen Daten vorliegen, sind sich alle Interessenträger darin einig, dass bereits Personalmangel besteht. Der stärkste Personalzuwachs ist in der FBBE mit einem Anstieg von 450 000 im Jahr 2011 auf über 700 000 im Jahr 2021 zu verzeichnen. Dennoch geht aus dem deutschen Bildungsbericht hervor, dass bis 2025 652 000 Plätze in der FBBE fehlen werden2; um diese Lücke zu schließen, wäre die Einstellung von 165 000 bis 200 000 zusätzlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bis 2025 und von 203 000 bis 235 000 bis 2030 erforderlich (Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung, im Folgenden ABBE, 2022).

Die Schulen stehen vor einem erheblichen Mangel an Lehrkräften, insbesondere in den MINT-Fächern. Obwohl keine umfassenden statistischen Daten vorliegen, sind sich alle Interessenträger darin einig, dass bereits Personalmangel besteht. Die Bildungsministerien der Länder ermittelten Anfang 2023 12 341 unbesetzte Lehrkräftestellen in Deutschland (rnd 2023). Der Deutsche Lehrerverband veranschlagte mindestens das Dreifache (32 000–40 000)3 (Anders, 2022). 57 % der befragten Schulleitungen meldeten bis Ende 2022 mindestens eine freie Lehrkraftstelle (Forsa, 2022). Bei rund 32 000 Schulen könnte dies mehr als 50 000 unbesetzten Stellen bedeuten. Die KMK ermittelte einen jährlichen Mangel von etwa 23 500 Lehrkräften bis 2035 (ABBE, 2022). Ihre Prognosen beruhen auf aktuellen Trends und berücksichtigen keinen zusätzlichen Bedarf, z. B. aufgrund der hohen Zahl aus der Ukraine vertriebener Schülerinnen und Schüler. In einer Studie aus dem Jahr 2022, die auf dynamischeren Annahmen aufbaut, wurde der tatsächliche Mangel bis 2035 auf 127 100–158 700 Lehrkräfte geschätzt (Klemm, 2022). Auch Interessenträger wie die Lehrkräftegewerkschaften (vbe 2023, GEW 2023, dbb 2023) argumentieren, dass die von der KMK vorgelegten Prognosen auf historischen Erfahrungen beruhen und politische Initiativen wie Ganztagsschulen, inklusive Schulen oder Schwerpunktschulen, die mehr Ressourcen erfordern, nicht berücksichtigen. Eine Studie zu MINT-Lehrkräften in Nordrhein-Westfalen ergab, dass die Zahl der neu ausgebildeten Lehrkräfte in MINT-Fächern für Sekundarschulen zwischen 2013 und 2019 um etwa ein Drittel zurückgegangen ist (von 1 809 auf 1 155). Auch die Zahl der aktiven Lehrkräfte, einschließlich MINT-Lehrkräften, dürfte bis 2030 um ein Drittel zurückgehen, was auf eine erhebliche potenzielle Lücke hindeuten würde (Klemm, 2022).

Der Lehrberuf ist in Deutschland trotz vergleichsweise guter Gehälter unattraktiv. Ausgedrückt in Kaufkraftparität sind die Grundgehälter für unbefristet beschäftigte Lehrkräfte in Deutschland die zweithöchsten in der EU (Europäische Kommission/EACEA/Eurydice, 2021). Der Anstieg der Dienstbezüge ist jedoch im EU-Vergleich nach wie vor gering (Europäische Kommission/EACEA/Eurydice, (2022)). Die Lehrkräftegehälter sind konkurrenzfähig, bewegen sich in etwa auf dem Niveau der Gehälter von Arbeitnehmenden mit Hochschulabschluss4 (OECD, 2022). 91 % der Lehrkräfte machen ihre Arbeit gern oder sehr gern. Allerdings würde fast ein Drittel der Lehrkräfte (28 %) jungen Menschen aufgrund der hohen Arbeitsbelastung und des allgemeinen Mangels an Prestige den Beruf nicht empfehlen (ABBE, 2022). Der Rückgang der Attraktivität des Lehrberufs kommt auch im Rückgang der Zahl der Absolventen der Lehrkräfteausbildung zum Ausdruck (28 900 im Jahr 20215 gegenüber 33 500 im Jahr 2011). Die Bundesländer haben eine Reihe von Abhilfemaßnahmen ergriffen und planen eine Bewertung der Auswirkungen dieser Maßnahmen (KMK 2022).

Deutschland hat die Qualifikationsanforderungen und die Ausbildung des Personals in der FBBE zunehmend harmonisiert und den Zugang zum Beruf erleichtert. 2010 begann die KMK mit der Ausarbeitung eines Orientierungsrahmens für Erzieherinnen und Erzieher in der FBBE (KMK 2017), der 2020 durch ein kompetenzorientiertes Qualifikationsprofil für FBBE-Assistenten ergänzt wurde (KMK 2021). Die rund 650 Programme für die Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern an Fachschulen und Fachakademien sind die beliebtesten Ausbildungsoptionen in der FBBE und bieten Ausbildungen auf der ISCED-Stufe 6 oder auf Bachelorebene an. Voraussetzung für die Zulassung ist mindestens ein Abschluss der Sekundarstufe I sowie Berufserfahrung. Der gravierende Personalmangel hat die Länder dazu veranlasst, die Zugangskriterien zu senken, zusätzliche und kürzere neue Berufsbildungsgänge zu schaffen und den Quer- und Seiteneinstieg auf verschiedene Weise zu erleichtern (ABBE, 2022). Während der Pandemie haben sich die Kriterien für den Zugang zu den Ausbildungsgängen geändert. Im Zeitraum 2020/2021 erfüllten etwa 43 % der Studierenden das ursprünglich strengere Zugangskriterium einer ausreichenden vorherigen Berufserfahrung nicht (Mende, 2022).

Es gibt mehrere Wege für den Eintritt in den Lehrberuf, die je nach Bundesland unterschiedlich sind. Die Lehrkräfteausbildung auf allen Bildungsebenen fällt in den Zuständigkeitsbereich der Länder. Trotz Koordinierung durch die KMK bestehen nach wie vor erhebliche Unterschiede.6 Einige Länder greifen zunehmend auf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zurück, die Quer- und Seiteneinsteiger sind, um freie Stellen zu besetzen, und erleichtern Ausbildung und Einstellung (Deutscher Bildungsserver a). Der Anteil der Quer- und Seiteneinsteiger an der deutschen Lehrerschaft hat sich zwischen 2015 und 2022 von 4 % auf 10 % mehr als verdoppelt (ABBE, 2022). Sachsen-Anhalt verzeichnete 2022 mit 46,9 % den höchsten Anteil an Quer- und Seiteneinsteigern (KMK, 2023).

Die Karriereaussichten und die Möglichkeiten zur beruflichen Weiterentwicklung im Lehrberuf sind in Deutschland nach wie vor begrenzt. In Deutschland gibt es für Lehrkräfte nur eine Laufbahnstruktur (Europäische Kommission/EACEA/Eurydice 2021). Fortlaufende berufliche Weiterbildung wird von mehreren öffentlichen und unabhängigen Anbietern angeboten. Dem Bildungsbericht 2022 zufolge fördert nur etwa die Hälfte der FBBE-Einrichtungen die fortlaufende berufliche Weiterbildung. (ABBE, 2022) Obwohl die hohe Nachfrage nach Lehrkräften die Arbeitssuche erleichtert, beurteilen die Lehrkräfte nach Aufnahme ihrer Tätigkeit den beruflichen Aufstieg als schwieriger (Europäische Kommission/EACEA/Eurydice 2021).

2. Frühkindliche Betreuung, Bildung und Erziehung

Trotz des weiteren Ausbaus der Kapazitäten in der FBBE wird ein erheblicher Teil der Nachfrage nach Kinderbetreuung in Deutschland nach wie vor nicht befriedigt. 2021 gab es 3,8 Millionen zugelassene FBBE-Plätze, das waren 84 000 mehr als im Vorjahr (ABBE, 2022)7. 2021 besuchten 93,1 % der Kinder im Alter zwischen drei Jahren und dem Schulalter FBBE, was etwas über dem EU-Durchschnitt (92,5 %), aber unter dem EU-Ziel von 96 %8 lag. 2021 hatten 28,9 % aller Kinder in der FBBE einen Migrationshintergrund, und von ihnen sprachen 67 % zu Hause nicht Deutsch (BMFSJ, 2022). Der Anteil der unter 3-Jährigen an der Bevölkerung ist in den letzten zehn Jahren um 16 % gestiegen (ABBE, 2022). Obwohl die absolute Zahl der Kinder unter drei Jahren in formaler Kinderbetreuung gestiegen ist, ist ihr Anteil in den letzten sieben Jahren mit rund 30 % stabil geblieben. Ein plötzlicher Rückgang auf 23,9 % im Jahr 20229 könnte ein statistischer Ausreißer sein, da Daten auf der Grundlage nationaler Register eine Teilnahmequote von 34,4 % im Jahr 2021 zeigen (BMFSJ, 2022a). Das Barcelona-Ziel für Deutschland für 2030 besteht darin, 40,4 % zu erreichen. Seit 2013 haben alle Kinder ab einem Jahr einen Rechtsanspruch auf einen Platz in der FBBE (Bildungsserver). 2021 beantragten 44 % der Eltern von unter 3-Jährigen in den westlichen Bundesländern einen FBBE-Platz, aber nur 31 % erhielten einen Platz. In einer Studie des Deutschen Jugendinstituts und der Technischen Universität Dortmund (2020) wird davon ausgegangen, dass die Behörden dieser rechtlichen Verpflichtung im Osten erst 2025 und im Westen erst 2028 nachkommen können. Hierzu werden bis 2030 in ganz Deutschland zwischen 244 000 und 310 000 zusätzliche Plätze für unter 3-Jährige und 158 000 bis 272 000 Plätze für 3- bis 6-Jährige benötigt (BMFSJ, 2022a).

Deutschland strebt gleiche Bedingungen für alle Kinder an, doch bestehen nach wie vor Unterschiede bei der Qualität der Dienstleistungen. Deutschland ergreift weiterhin erhebliche Maßnahmen zur Verbesserung der Qualität der FBBE-Angebote. Zusätzlich zu den Bundesinvestitionen in Höhe von 5,5 Mrd. EUR zur Unterstützung der Länder zwischen 2019 und 2022 (Gute-KiTa-Gesetz) investiert es in den Jahren 2023 und 2024 4 Mrd. EUR (KiTa-Qualitätsgesetz). Die Situation unterscheidet sich je nach Bundesland und Region, einschließlich der Qualität der Dienstleistungen (ABBE, 2022; Bock-Famulla, K. 2021). Mit der neuen Qualitätsinitiative werden Länder in sieben Schwerpunktbereichen unterstützt, wobei der Schwerpunkt auf der Schaffung gleicher Bedingungen für alle Kinder in der FBBE liegt (BMFSFJ 2023). Die Prioritäten sind: 1) Bedarfsgerechtes Angebot, 2) Fachkraft-Kind-Schlüssel, 3) Gewinnung und Sicherung qualifizierter Fachkräfte, 4) Stärkung der Leitung, 5) Maßnahmen im Bereich kindliche Entwicklung, 6) sprachliche Bildung und 7) Stärkung der Kindertagespflege. Sie wird durch individuelle Verträge zwischen Bund und Ländern umgesetzt.

Dem jährlichen Monitoringbericht zufolge hat Deutschland in mehreren Qualitätsbereichen, einschließlich des Fachkraft-Kind-Schlüssels und der Erhöhung der Zahl von Leitungskräften, einige Fortschritte erzielt (BMFSFJ 2022). Allerdings wurde im Monitoringbericht festgestellt, dass es den Leitungskräften insgesamt an Zeit fehlte, um alle ihre gesetzlich vorgeschriebenen Aufgaben zu erfüllen (BMFSFJ 2022). Eine kürzlich durchgeführte Studie, an der 5 387 FBBE-Leitungskräfte beteiligt waren, bestätigte das wahrgenommene Missverhältnis. Die befragten Leitungskräfte befanden ferner, dass sich der Personalmangel verschärft. Die Arbeitsbelastung des vorhandenen Personals, die durch Krankheit und Fehlzeiten zunimmt, steigt Jahr für Jahr, was sich negativ auf den Fachkraft-Kind-Schlüssel auswirkt (Schieler, 2023). Die derzeitige Koalitionsvereinbarung zielt darauf ab, ab 2025 auf Bundesebene gleiche Bedingungen und Qualitätsstandards für die FBBE zu schaffen.

3. Schulbildung

Die Quote der frühzeitigen Schulabgänge in Deutschland hat sich im Laufe der Zeit erhöht. Im Gegensatz zum rückläufigen Trend der Quote der frühzeitigen Schulabgänge in der EU (auf 9,6 %) stieg die deutsche Quote von 10,5 % im Jahr 2012 um 1,7 Prozentpunkte auf 12,2 % im Jahr 2022, was deutlich über dem EU-Ziel von unter 9 % liegt. Sie hatte sich bei rund 10 % stabilisiert, stieg aber nach methodischen Anpassungen im Jahr 2021 auf 12,5 % und lag damit im Jahr 2022 deutlich (um 2,6 Prozentpunkte) über dem EU-Durchschnitt. Die Quote bei jungen Männern (13,7 %) ist 3 Prozentpunkte höher als bei Frauen (10,7 %), und dieses geschlechtsspezifische Gefälle hat sich in zehn Jahren fast verdreifacht (1,2 Prozentpunkte im Jahr 2012). Junge Menschen mit Eltern mit niedrigem Bildungsstand verlassen die Schule siebenmal häufiger frühzeitig als Gleichaltrige mit Eltern mit hohem Bildungsstand (Europäische Kommission, 2022). Während die Quote bei den in Deutschland geborenen 18- bis 24-Jährigen im Jahr 2022 bei 9,4 % lag, war sie bei im Ausland geborenen jungen Menschen deutlich höher (28,8 %).10

Die Bildungsergebnisse haben sich verschlechtert, und es gab keine Verbesserungen in Bezug auf die negativen Auswirkungen eines niedrigen sozioökonomischen Status und/oder eines Migrationshintergrunds der Schülerinnen und Schüler. Bei der International Reading Literacy Study (PIRLS) handelt es sich um eine internationale Studie, mit der alle fünf Jahre die Bildungsergebnisse von Viertklässlern beim Lesen gemessen werden. 2021 erreichten deutsche Schülerinnen und Schüler 524 Punkte und lagen damit knapp unter dem Durchschnitt der EU-19 (-3 Punkte). In den meisten Bildungssystemen in der EU waren die Ergebnisse in ähnlicher Weise sowohl 2016 als auch 2011 schlechter. Besorgniserregend ist, dass die Quote der Schülerinnen und Schüler mit unzureichenden Leistungen weiter von 15 % im Jahr 2011 auf 19 % im Jahr 2016 und 25 % im Jahr 2021 gestiegen ist, während Spitzenleistungen 2021 auf 8 % zurückgingen. Der Leistungsabstand zwischen Jungen und Mädchen liegt mit 15 Punkten über dem EU-Durchschnitt (11,8) und hat sich seit 2011 fast verdoppelt (Unterschied von 8 Prozentpunkten). Das Leistungsgefälle zwischen jungen Schülerinnen und Schülern mit höherem und niedrigerem sozioökonomischem Status beträgt 91 Punkte, liegt also 11 Punkte über dem EU-Durchschnitt (Europäische Kommission, 2023). Zu berücksichtigen wäre auch die große Zahl der in letzter Zeit ins Land gekommenen Flüchtlinge.

Abbildung 1: Entwicklungen bei der niedrigen Leistungsquote im Lesen 2011–2021, PIRLS

In Deutschland besteht eine stärkere Korrelation zwischen Mobbing und schulischer Leistung als in anderen EU-Ländern. Junge Schülerinnen und Schüler in Deutschland, die ein geringes Zugehörigkeitsgefühl zu ihrer Schule erleben, schneiden im Durchschnitt schlechter ab als andere Gleichaltrige (-41 Punkte); auch die negative Korrelation mit der Leistung ist vergleichsweise stärker (PIRLS). Auch Mobbing scheint in Deutschland bemerkenswerte Auswirkungen zu haben.11 Die negative Korrelation zwischen Leistung und Mobbing ist hier von allen teilnehmenden Ländern am höchsten (PIRLS). Ein ähnlicher Zusammenhang ist für Cybermobbing zu beobachten (PIRLS).

Eine gute Koordinierung zwischen Bund und Ländern ist wichtig, um die Ziele der Bundesfinanzierung zu erreichen. Da die Länder für ihre Schulbildungssysteme zuständig sind, ist der Finanzierungsbereich des Bundes auf bestimmte Zwecke beschränkt. Beispiele hierfür sind die bundesweite Förderung der Digitalisierung (5,5 Mrd. EUR für den Digitalpakt Schule in den Jahren 2019 und 2020) oder das Programm Lesestart, das Mittel für ein landesweites frühes Sprach- und Leseprogramm für Familien mit Kleinkindern bereitstellt (Stiftung Lesen). Die letztgenannte Massnahme weitete Deutschland auf Geflüchtete in Flüchtlingszentren aus (BMBF 2021). Eine im September 2022 durchgeführte Erstbewertung des Aktionsprogramms des Bundes Aufholen nach Corona für Kinder und Jugendliche, das eine finanzielle Unterstützung in Höhe von 1 Mrd. EUR für die Jahre 2021 und 2022 vorsah, ergab, dass die von der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz (2021) genannten Ziele nur in begrenztem Umfang erreicht wurden (Helbig, 2022). Aufgrund mangelnder Fokussierung wurden junge Kinder und Schülerinnen und Schüler aus benachteiligten Familien und/oder mit Migrationshintergrund, die die Förderung am dringendsten benötigten, nicht angemessen erreicht.

Ein neues Bundesprogramm für benachteiligte Schülerinnen und Schüler wird aufgelegt. Die Bundesministerin für Bildung und die Länder haben sich auf die Eckpunkte eines neuen Programms mit dem Titel Startchancen geeinigt, um allen Kindern und Jugendlichen unabhängig von der sozialen Situation ihrer Eltern gezielte pädagogische Unterstützung zu bieten. Das Programm soll zu Beginn des Schuljahres 2024–25 starten und hat eine Laufzeit von zehn Jahren. Die Bundesregierung möchte den Ländern eine zusätzliche Milliarde Euro pro Jahr zur Verfügung stellen. Von den Ländern wird erwartet, dass sie einen diesen Bundesmitteln entsprechenden Beitrag leisten. Das Programm soll sich an bis zu 4 000 Schulen (ca. 10 % aller deutschen Schulen) wenden. Ziel ist es, Schulen besser auszurüsten, die bedarfsgerechte Schul- und Unterrichtsentwicklung zu fördern und multiprofessionelle Teams zu stärken. Das Startchancen-Programm soll einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Kompetenzentwicklung von Kindern und Jugendlichen und damit zu mehr Chancengleichheit in der Bildung leisten.

Kasten 1: Wege in die Beschäftigung

Das Pilotprojekt soll dazu beitragen, den gravierenden Mangel an sozialpädagogischen Fachkräften in der FBBE und den Grundschulen zu beheben, indem neue Berufs- und Ausbildungsmöglichkeiten für Arbeitslose angeboten werden. Es wird von der gemeinsamen Bildungseinrichtung LV Bremen e.V. durchgeführt.

Das Projekt umfasst die Integration von Arbeitslosen durch bezahlte Praktika, Sprachförderung bei der pädagogischen Umschulung oder Ausbildung, zusätzliche Qualifikationen für ausländische pädagogische Fachkräfte während der Anerkennung und Grundqualifikationen für die FBBE.

Mit einem Budget von rund 2,6 Mio. EUR und dem Projekt, das von Mitte 2022 bis Mitte 2025 laufen soll, unterstützt das Projekt 89 Menschen. Davon sind 90 % Frauen, 13 % sind Alleinerziehende und 70 % haben Flucht- oder Migrationserfahrung.

Neues ESF-Projekt – Wege in Beschäftigung – PBW Bremen

4. Berufliche Aus- und Weiterbildung

Deutschland modernisiert derzeit sein System der beruflichen Bildung. Als Reaktion auf die Empfehlung des Rates zur Berufsbildung und die Osnabrück-Erklärung erstellte das Land einen nationalen Umsetzungsplan. Ziel des Plans ist es, die Integration und den Zugang zur Ausbildung und zum Arbeitsmarkt zu fördern, den ökologischen und technologischen Wandel zu unterstützen und zu einer zukunftssicheren Berufsbildungspolitik beizutragen. Ferner soll er den digitalen Wandel und die Strategien in der Berufsbildung für einen digitalen Bereich in der allgemeinen und beruflichen Bildung unterstützen und Exzellenz in der beruflichen Bildung auf höherer Ebene sicherstellen.

Deutschland steigert die Attraktivität der beruflichen Bildung. Die 2022 ins Leben gerufene Exzellenzinitiative Berufliche Bildung (BMBF 2023) zielt darauf ab, die Attraktivität der Berufsbildung zu erhöhen, indem Karrierechancen und Berufsorientierung verbessert und jungen Menschen Möglichkeiten zum internationalen Austausch geboten werden. Darüber hinaus stellte sie finanzielle Unterstützung für innovative Inhalte und eine moderne Erstausbildungs- und Weiterbildungsinfrastruktur bereit. Mit dem Ausbildungscluster 4.0 in den Braunkohleregionen12 wird der Strukturwandel in drei Braunkohleregionen unterstützt, indem innerbetriebliche Ausbildung ermöglicht und jungen Menschen geholfen wird, Mangelberufe zu vermeiden.

Darüber hinaus hat das Land im Jahr 2022 die Zuschüsse auf 80 % des vor der COVID-19-Pandemie bestehenden Niveaus der Förderung der durch Erasmus+ finanzierten Mobilität in der beruflichen Bildung angehoben. Das neue Mobilitätsprogramm Weltwalz (SCIVET 2022) bietet jungen Handwerkskräften die Möglichkeit, Erfahrungen mit der internationalen Zusammenarbeit in Ruanda, Uganda, Südafrika und Georgien zu sammeln. Das Förderzentrum für transnationale Mobilität in der beruflichen Bildung informiert Einrichtungen und Organisationen über Möglichkeiten zur Unterstützung der internationalen Mobilität von Auszubildenden und über potenzielle Möglichkeiten.

Deutschland hat spezifische Maßnahmen für Lehrkräfte und Ausbildende in der beruflichen Bildung ergriffen.13 Die Plattform Unternehmergeist macht Schule (2022) ist speziell für Lehrkräfte in Berufsschulen konzipiert und umfasst die regelmäßige berufliche Weiterbildung von Lehrkräften in der beruflichen Aus- und Weiterbildung sowie E-Learning-Möglichkeiten zur Integration des Unternehmertums in den Unterricht. Das Webportal umfasst ein breites Spektrum an Aktivitäten, Materialien und E-Learning für Lehrkräfte.

5. Hochschulbildung

Deutschland hat das Potenzial, die Zahl der tertiären Bildungsabschlüsse deutlich zu erhöhen, liegt aber nach wie vor zurück. Von 2012 bis 2022 erhöhte Deutschland die Zahl der tertiären Bildungsabschlüsse um 8,2 Prozentpunkte und lag damit leicht über dem EU-Durchschnitt von 7,9 Prozentpunkten.14 Mit 37,1 % liegt Deutschland immer noch 4,9 Prozentpunkte unter dem EU-27-Durchschnitt (42 %) und deutlich unter dem EU-Ziel von 45 % für 2030. Die relativ niedrige Abschlussquote kann teilweise mit dem starken und wichtigen dualen Berufsbildungssystem zusammenhängen15. Mit 56,1 % verzeichnet Berlin nach wie vor die höchste Hochschulabschlussquote in Deutschland und hat seit 2012 18,3 Prozentpunkte zugelegt. Brandenburg verzeichnete mit 13,2 Prozentpunkten den zweitstärksten Anstieg auf 32,1 % im Jahr 2022. Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern erreichten 2022 nur 20,6 % und damit weniger als die Hälfte der Quote in Berlin.16

Bei jungen Menschen, die im Ausland geboren wurden, ist der Anteil der Hochschulabsolventinnen und -absolventen niedriger; das Geschlechtergefälle bei den Hochschulabschlüssen ist gering. Bei den Hochschulabschlüssen ist das Gefälle zwischen deutschen und im Ausland geborenen Studierenden geringer als im EU-Durchschnitt. In Deutschland hatten 2022 32,5 % der 25- bis 34-Jährigen aus einem anderen EU-Land, 34,5 % aus einem Nicht-EU-Ausland und 38,2 % der in Deutschland Geborenen einen Hochschulabschluss. Die Quoten auf EU-Ebene beliefen sich 2022 auf 39,5 %, 35,7 % bzw. 43 %. In Deutschland haben fast ebenso viele junge Männer wie junge Frauen ein Hochschulstudium abgeschlossen. Das geschlechtsspezifische Gefälle ist nach wie vor das geringste in der EU. Mit 4,6 Prozentpunkten im Jahr 2022 lag es bei etwa einem Drittel des EU-Durchschnitts (11,1 Prozentpunkte) und ist seit 2012 kaum gestiegen (+ 0,4 Prozentpunkte).17

Deutschland hat den größten Anteil an Absolventinnen und Absolventen in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik (MINT). Der Anteil der MINT-Abschlüsse lag 2020 bei 35,8 % (10,9 Prozentpunkte über dem EU-Durchschnitt). Wie in den Vorjahren entscheiden sich 2021 die meisten Absolventen für Ingenieurwesen und verarbeitendes Gewerbe (22 %), gefolgt von 9,5 % für Naturwissenschaften und Mathematik und nur 4,5 % für IT- und Bildungstechnologie. Auf EU-Ebene beträgt der durchschnittliche Anteil 16,1 %, 6,4 % bzw. 3,44 %. Obwohl Deutschland bei den MINT-Abschlüssen insgesamt nach wie vor eine herausragende Rolle spielt, nimmt die Zahl der Absolventinnen und Absolventen im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien nur langsam zu (um 0,6 Prozentpunkte zwischen 2016 und 2021 auf 5,1 %). Die einzelnen ISCED-Stufen deuten darauf hin, dass der deutsche Vorsprung in allen MINT-Fächern im Vergleich zur EU mit steigendem Bildungsniveau schrumpft.18

Das Bildungswesen ist generell gut auf den Bedarf des Arbeitsmarktes abgestimmt. Die Beschäftigungsquote junger Hochschulabsolventinnen und -absolventen ist hoch. Im Bereich der tertiären Bildung (ISCED 5-8) erreichte sie 2022 mit 94,4 % (gegenüber 86,7 % im EU-Durchschnitt) einen der höchsten Werte in der EU. Gleichzeitig ist Deutschland eines der fünf Länder (mit Dänemark, Luxemburg, Niederlande und Portugal), in denen Hochschulabsolventinnen und -absolventen beim Zugang zum Arbeitsmarkt im Vergleich zu Absolventen der beruflichen Bildung der Sekundarstufe II nur minimal im Vorteil sind (1,1 Prozentpunkte). 2022 waren 93,3 % der Absolventen einer berufsbildenden höheren Schule in Beschäftigung (3,9 Prozentpunkte mehr als 2016). Bei Absolventen von allgemeinbildenden höheren Schulen ist der Eintritt in den Arbeitsmarkt jedoch erheblich schwieriger; die Beschäftigungsquote liegt bei 64,2 % (gegenüber 66,4 % im EU-Durchschnitt).

Im Vergleich zum europäischen Durchschnitt sind deutsche Studierende recht mobil. Während in den meisten Mitgliedstaaten weniger als 10 % der Studierenden im Tertiärbereich einen Auslandsaufenthalt absolviert haben, traf dies 2021 in Deutschland auf 11,2 % zu. Diese Zahlen haben sich seit den Zeiten vor der COVID-19-Pandemie kaum verändert (2019: 11,8 %), im Gegensatz zur Studienmobilitätsquote, die seit 2018 um 3,5 Prozentpunkte deutlich gesunken ist.19 Studentinnen sind in der Regel mobiler als männliche Studierende.

Abbildung 2: Quoten der Mobilität von Hochschulabsolventinnen und -absolventen zum Erwerb von Leistungspunkten, 2019 und 2021

6. Erwachsenenbildung

Die Erwachsenenbildung ist in Deutschland ein großer Bildungssektor20, steht jedoch vor den Problemen Personalmangel, alternde Erwerbsbevölkerung, niedrige Einkommen und geringe Arbeitsplatzsicherheit. Die betriebliche Weiterbildung bildet nach wie vor das größte Segment der Erwachsenenbildung in Deutschland. Lehrkräfte in der Erwachsenenbildung sind im Durchschnitt hoch qualifiziert; etwa drei Viertel verfügen über einen akademischen Abschluss, und der Anteil der weiblichen Lehrkräfte ist mit 63 % hoch. Etwa ein Viertel der Lehrkräfte in der Erwachsenenbildung hat einen Migrationshintergrund; das ist der höchste Prozentsatz von allen Bildungsbereichen. Die Erwachsenenbildner(innen) leiden jedoch an Überalterung. Niedrige Einkommen und geringe Arbeitsplatzsicherheit für große Teile der Lehrkräfte führen häufig in Kombination mit (selbstständiger) Beschäftigung zu prekären Arbeitsbedingungen. Besonders deutlich wird der Mangel an Schulungspersonal in Sprach- und Integrationskursen für Zugewanderte.

Obwohl die EU-Ziele im Bereich der Weiterbildung komfortabel erreicht wurden, bleibt die Teilnahme an der Erwachsenenbildung relativ stabil und ungleich verteilt. Erwachsene mit niedrigem Bildungsniveau, Migranten, Arbeitslose und Erwachsene mit geringen Grundfertigkeiten weisen eine deutlich niedrigere Teilnahmequote auf als der Durchschnitt. Die ungleiche Teilhabe an früheren formalen Bildungsergebnissen stellt nach wie vor eine große Herausforderung für das Erwachsenenbildungssystem in Deutschland dar. Bildungschancen sind nach wie vor eng mit dem sozioökonomischen Hintergrund verknüpft, und die Ungleichheit in der Bildung könnte weiter zunehmen.

Den Herausforderungen in der Erwachsenenbildung soll mit zwei wichtigen politischen Rahmen begegnet werden. Im Mittelpunkt der Nationalen Weiterbildungsstrategie und der Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung steht die Bewältigung der Herausforderungen, insbesondere des Problems der Ungleichheit in der Erwachsenenbildung. Im Rahmen dieser Programme werden Maßnahmen von Bund und Ländern, Institutionen und Verbänden, Gewerkschaften, Kirchen und Organisationen der Zivilgesellschaft zusammengebracht. Im Rahmen der Initiative „AlphaDekade“ wird Erwachsenenbildung als Instrument betrachtet, um umfassende Vorteile des Lernens zu vermitteln, weshalb sie auch das Ziel der sozialen Inklusion verfolgen sollte. Die Nationale Weiterbildungsstrategie ist ein eher allgemeiner Rahmen, während in der AlphaDekade ausdrücklich auf die Bedürfnisse gering qualifizierter Erwachsener eingegangen wird.

Fundstellen

Kommentare oder Fragen sind per E-Mail an folgende Adresse zu richten:

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Notes

Angaben zur Veröffentlichung

  • KatalognummerNC-AN-23-005-DE-Q
  • ISBN978-92-68-06164-0
  • ISSN2466-9997
  • DOI10.2766/34384

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